Gedenken an Srebrenica – „Völkermord darf sich nie wiederholen!“

Schweigeminute auf dem Markplatz für die Opfer des Völkermordes von Srebrenica. Foto: Dieter Leder

„Solange ich lebe, werde ich kämpfen, damit Srebrenica nie vergessen wird!“ Der zwanzigjährige Anes Avdic bekennt sich nicht nur zur bosnischen Geschichte, er bekennt sich auch zum deutschen Grundgesetz: „Die Menschenwürde ist unantastbar“, wie der Vorstand der bosnischen Jugendgruppe in Mannheim in seiner Rede vor etwa 300 Teilnehmern bei der Gedenkveranstaltung zum 26. Jahrestag des Genozides von Srebrenica sagte: „Und es ist unsere Pflicht, das zu achten.“

Der 11. Juli ist internationaler Gedenktag für die Opfer von Srebrenica: Am 11. Juli 1995 begann während des Bosnienkrieges der Völkermord gegen die Bosniaken. Heute, 26 Jahre später, tragen zum Gedenken an dieses Kriegsverbrechen viele eine weiße Blume mit elf Blütenblättern auf der Brust: Die elf Blätter markieren den elften Tag im Juli.

Veranstaltung beginnt aus Respekt später

Mit der deutschen und der bosnischen Nationalhymne, mit einer Schweigeminute und einem Gebet begann die Gedenkveranstaltung am Sonntag auf dem Marktplatz in Mannheim. Und die Veranstaltung begann gut anderthalb Stunden später als geplant. „Aus Respekt“, wie der Vorbeter der bosnischen Moschee in Mannheim, Dr. Hafis Beganović erklärt: Denn zur selben Zeit feierte die spanischsprachige Gemeinde in der Marktplatzkirche ihren Sonntagsgottesdienst, und der sollte nicht gestört werden.

Amnon Seelig (Kantor Jüdische Gemeinde Mannheim), Ilka Sobottke (Pfarrerin Evangelischen Kirche Mannheim) und Ismail Hakki Cakir (Vorsitzender der Türkisch Islamischen Gemeinde zu Mannheim e.V.) auf der Srebrenica-Gedenkveranstaltung. Foto: Dieter Leder

„Wir kennen uns schon lange“, sagt Dino Hodzic und ist stolz, bei der Gedenkveranstaltung mit dabei zu sein. Mit seiner Jugendgruppe und vielen bosnischen Fahnen kam er extra aus der Schweiz angereist. Er spricht von Freundschaft und Verbundenheit mit der Mannheimer Jugendgruppe. Und dass es ihm wichtig ist, das Gedenken an Srebrenica wach zu halten.

Die aus der Schweiz angereiste bosnische Jugendgruppe, die auf eine lange Freundschaft mit Mannheim zurück blickt. Foto: Dieter Leder

Auch Edina Jusufovic, die für Baden-Württemberg zuständige Konsularin von Bosnien und Herzegowina, geht gegen das Vergessen vor. „Vergessen ist die erste Voraussetzung, um das Böse wiederzugeben. Und das Erinnern an Böses die erste Voraussetzung dafür, dass es nie wieder passiert“, wie sie in ihrer Rede auf der Gedenkveranstaltung sagte. „Wir haben eine schmerzhafte Lektion gelernt und es ist unsere Pflicht zu warnen. Der Traum, andere zu zerstören, endet immer in der eigenen Niederlage und Selbstzerstörung.“

Konsularin Edina Jusufovic, die für Baden-Württemberg zuständige Konsularin von Bosnien und Herzegowina, fordert eine Erinnerung an das Böse. Foto: Dieter Leder

#SayTheirNames würde mehr als vier Stunden dauern

Die Bosnische Schule in Mannheim hat sich einer Kampagne des Kriegskindermuseums aus Sarajevo und des Gedenkzentrums in Srebrenica angeschlossen, die persönliche Geschichten von Kindern im Krieg dokumentiert. 14 dieser Geschichten haben die Schüler der Bosnischen Schule in Mannheim ins Deutsche übersetzt, um die Erfahrungen der Kinder aus Srebrenica auch für die deutschsprachige Öffentlichkeit zu dokumentieren. Die Schüler haben Auszüge aus den Geschichten vorgetragen und mit ihren Wünschen verknüpft: „Wenn ich könnte, würde ich alle Kriege stoppen“, oder auch „Hört mit dem Schießen und den Kriegen auf“, lauteten ihre Forderungen.

Die Schüler und Betreuer der Bosnischen Schule in Mannheim. Foto: Dieter Leder

Unter dem Motto #saytheirnames wird eine Erinnerung an die Opfer des rassistischen Terroranschlages von Hanau geführt, die die Opfer als Menschen sichtbar macht statt den Täter in den Vordergrund zu rücken. Ähnliches wird auch mit dem Massaker von Srebrenica gemacht, doch „das Vorlesen aller Namen der Opfer würde mehr als vier Stunden dauern“, wie die Schüler der Bosnischen Schüler erklärten. Die 8.372 Opfer von Srebrenica waren dennoch namentlich präsent: Die Namen standen auf einem Band, das die Schüler wie ein Mahnmal vor der Bühne ausrollten.

„Ich stehe hier als Kind aus Srebrenica“

„Auf dieser Liste der Opfer tragen 64 den Nachnamen Begić“, sagt die 14jährige Schülerin Lamija Begić, die sich als Kind aus Srebrenica bezeichnet. Sie erzählt, wer alles aus ihrem nahen familiären Umfeld den Genozid damals nicht überlebte und wie sie als Mitglied der in Srebrenica großen und gut bekannte Familie Begić mit den Geschichten und Schilderungen aus Srebrenica lebt und umgeht.

Die Schüler der Bosnischen Schule in Mannheim haben ein Band mit den 8.372 Namen der Opfer von Srebrenica entrollt. Lamija Begić steht ganz rechts auf der Bühne. Foto: Dieter Leder

„Wir stehen heute nicht hier für Wut und Hass, wir stehen hier um an die Opfer von Srebrenica zu erinnern.“ Mit der Erinnerung an die Opfer verbindet sie gleichzeitig aber auch eine laute Mahnung: „Völkermord darf sich nie wiederholen, von niemanden auf der Welt.“ Deswegen hofft Begić, „dass ich und meine Cousinen und Cousins die letzten Kinder sein werden, die solche Familiengeschichten in der Ich-Form erzählen müssen.“

Als Zeichen der Erinnerung und Mahnung ließen die Kinder der Bosnischen Schule in Mannheim im Anschluss weiße Luftballons in den Mannheimer Himmel aufsteigen.

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