
„Mannheim wird brennen“, schrie eine sichtlich aufgebrachte Teilnehmerin bei der Abschlusskundgebung auf dem Mannheimer Marktplatz mehrfach ins Mikrofon. Am Samstag (5. November 2022) demonstrierten etwa 150 Menschen gegen Polizeigewalt und erinnerten an einen tödlichen Vorfall, der sich vor fast genau einem halben Jahr in Mannheim ereignete: Am 2. Mai starb am Marktplatz bei einem Polizeieinsatz ein 47jähriger psychisch kranker Mann.
Initiative gegen Polizeigewalt
Aufgerufen zu der Protestveranstaltung hatte die Initiative 2. Mai, die sich als Reaktion auf diesen Fall von Polizeigewalt vor sechs Monaten gegründet hatte. Sie fordert ein sofortiges Ende der Polizeigewalt, eine öffentliche Anklage und lückenlose Aufklärung in diesem und vielen anderen Fällen, in denen Menschen durch Polizeigewalt ihr Leben verloren haben. Die Opfer seinen fast immer Menschen mit psychischen Erkrankungen oder mit Migrationshintergrund, wie es in Redebeiträgen am Samstag hieß.

„Ich war ziemlich deeskalativ“, sagte die zuvor schon genannte Rednerin, die sich als Kollegin des Opfers zu erkennen gibt und über ihre persönlichen und traumatischen Auswirkungen des Vorfalls berichtet: Sie leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und habe die „grausamen Bilder“ von dem Vorfall noch immer vor Augen. Sie ist nicht alleine mit den Problemen, sie spricht auch für viele ihrer Kollegen, die aus Angst vor der Polizei aber erst gar nicht zur Demonstration mitgekommen seien.
Radikalisierung kommt nach Polizeigewalt
Doch von Angst ist bei ihr keine Spur, ganz im Gegenteil: „In Richtung der Polizei hat sich schwer was geändert in mir“, berichtet sie weiter und wird auch konkreter: „Ich merke, dass ich mich radikalisieren will, ich bin nicht die einzige und ich bin nicht alleine damit.“
Sie hat die Teilnehmer der Demonstration hinter sich, deren Applaus nach ihrer Radikalisierungsoffenbarung gibt ihr Mut. Das Solidarische der Demonstranten ist ihre Wut, die in der „kämpferischen Demonstration“ zum Ausdruck kommen soll, wie es in der Ankündigung wenige Tage vor dem November-Demonstration heißt.

Nach den Ausschreitungen bei der Demonstration im Mai und den radikalen Ankündigungen war die Polizei am Samstag auf das Schlimmste vorbereitet. Ein Großaufgebot stand in den Seitenstraßen entlang der Demonstrationsroute einsatzbereit.
Friedliche Demonstration
Doch diesmal wird keine Pyrotechnik gezündet wie noch vor sechs Monaten, keine Scheiben gehen zu Bruch, auch keine Farbbeutel werden geworfen. Wozu auch: An der Mannheimer Polizeiwache in H4, von der der damalige tödliche Polizeieinsatz ausging, klebt noch immer die blutrote Farbe von der Mai-Demonstration. Die Farbflecken über der Eingangstüre sind längst zur dauerhaften Symbolik der blutrünstige Polizeigewalt geworden – eine Symbolik, mit der auch sechs Monate nach der Tat die Polizei offenbar keine Probleme hat.

An jenem Samstag blieb es friedlich. Mannheim brannte (diesmal) nicht. Nur die Wut kochte. Und anstandshalber gab es einen Stinkefinger gegen die Polizeigewalt.